Chancenkarte im Praxiseinsatz: Für welche Berufe sie sich wirklich lohnt
Die neue Chancenkarte nach Punktesystem – als Teil des reformierten Fachkräftezuwanderungsgesetzes – ist für viele Unternehmen zu einem wichtigen Werkzeug geworden, um qualifizierte internationale Arbeitskräfte zu gewinnen. Doch während die Vorteile klar erscheinen, stellen sich viele HR-Abteilungen und Geschäftsführer die gleiche Frage: Für welche Berufe lohnt sich die Chancenkarte wirklich – und für wen eher nicht?
Im praktischen Einsatz zeigt sich deutlich: Die Chancenkarte ist kein universelles Rekrutierungsinstrument, sondern entfaltet ihren Nutzen dort am stärksten, wo klassische Wege der Fachkräftegewinnung an Grenzen stoßen.
Was macht die Chancenkarte für Unternehmen interessant?
Die Chancenkarte erlaubt es qualifizierten Personen aus Drittstaaten, nach Deutschland einzureisen, um hier aktiv einen Job zu suchen – für bis zu ein Jahr. Im Gegensatz zu bereits existierenden Visa wird kein konkreter Arbeitsvertrag im Voraus benötigt.
Für Arbeitgeber entsteht damit ein Vorteil:
- Sie können Talente viel früher persönlich kennenlernen,
- haben mehr Auswahl,
- und profitieren von einer schnelleren Besetzung offener Stellen.
Durch das Punktesystem – bestehend aus Kriterien wie Qualifikation, Berufserfahrung, Sprachkenntnissen und Alter – lässt sich zudem klar einschätzen, welche Bewerber realistische Chancen haben.

Wie das Punktesystem der Chancenkarte funktionieren
Die Chancenkarte basiert auf einem klar strukturierten Punktesystem, das Bewerber nach Qualifikation, Erfahrung, Alter, Sprachkenntnissen und weiteren Kriterien bewertet. Für Unternehmen bedeutet das: Sie sehen auf einen Blick, wie gut der Kandidat Chancen hat, sich erfolgreich zu bewerben und in Deutschland Fuß zu fassen.
Kriterien im Überblick:
- Ausbildung & Qualifikation: Hochschulabschluss, Berufsausbildung oder gleichwertige Erfahrung. Je höher die Qualifikation, desto mehr Punkte.
- Berufserfahrung: Praktische Erfahrung im relevanten Berufsfeld wird berücksichtigt. Langjährige Erfahrung kann fehlende Qualifikationen ausgleichen.
- Sprachkenntnisse: Deutschkenntnisse nach Niveau A1 bis B2 werden bewertet; Englisch kann in bestimmten Berufen ebenfalls punkten.
- Alter: Jüngere Fachkräfte erhalten mehr Punkte, da sie langfristiger einsetzbar sind.
- Zusätzliche Faktoren: Mangelberufe, Weiterbildungen, berufliche Zusatzqualifikationen oder familiäre Bindungen in Deutschland können ebenfalls Punkte bringen.
Praxis-Tipp für Unternehmen:
- Die Punktzahl zeigt nicht nur die Eignung des Bewerbers, sondern kann auch die Reihenfolge im Auswahlprozess beeinflussen.
- Unternehmen können gezielt nach Kandidaten suchen, die in Engpassberufen punkten – z. B. Pflege, Handwerk oder IT.
- Das Punktesystem macht den Recruiting-Prozess transparenter und planbarer, da schon vor der Einreise klar ist, welche Bewerber realistische Chancen auf ein Visum haben.
Beispiel: So funktioniert die Punktevergabe
Anna, 28 Jahre, Krankenschwester aus den Philippinen
| Kriterium | Bewertung | Punkte |
|---|---|---|
| Alter | 28 Jahre | 15 von 20 |
| Ausbildung & Qualifikation | Bachelor in Pflege | 40 von 50 |
| Berufserfahrung | 5 Jahre Berufserfahrung in Krankenhaus | 15 von 20 |
| Sprachkenntnisse | Deutsch B1 | 10 von 15 |
| Zusätzliche Faktoren | Engpassberuf Pflege | 10 von 10 |
Gesamtpunkte: 90 von 115 → hohe Chance auf Einreise zur Arbeitssuche in Deutschland.
Praxis für Unternehmen:
- Unternehmen erkennen sofort: Anna hat eine hohe Realchance, ein Visum zu erhalten.
- Der Fokus liegt nun auf Onboarding, Einarbeitung und Integration ins Team.
- Das Punktesystem macht die Recruiting-Planung transparenter und strategischer.
Besonders geeignet: Engpassberufe mit hohem Bedarf und wenigen Bewerbern
Die Chancenkarte entfaltet ihr größtes Potenzial in Branchen, in denen der Personalmangel strukturell ist und der Markt an inländischen Bewerbern praktisch leergefegt ist.
Gesundheits- und Pflegeberufe
- Pflegefachkräfte
- medizinisch-technisches Personal
- Notfallsanitäter
- Radiologie-Assistenten
Hier ist die Nachfrage seit Jahren enorm. Internationale Fachkräfte bringen oft gute Grundqualifikationen mit, die sich durch Anpassungslehrgänge relativ schnell anerkennen lassen. Unternehmen profitieren zudem von einer hohen Bindungsbereitschaft.
Handwerk & technische Berufe
- Elektriker
- SHK-Anlagenmechaniker
- Metallbauer
- Mechatroniker
Gerade im Handwerk eignet sich die Chancenkarte, weil viele Bewerber aus Drittstaaten praktische Erfahrung, aber (noch) keinen deutschen Abschluss mitbringen. Das neue Punktesystem erleichtert die Einreise, und Betriebe können vor Ort die Eignung testen.
IT & Softwareentwicklung
- Softwareentwickler
- Systemadministratoren
- Cybersecurity-Spezialisten
- Data Engineers
Die IT-Branche ist einer der größten Gewinner. Hier sind formale Anerkennungsprozesse deutlich einfacher, und Englischkenntnisse reichen oft aus. Für Unternehmen bedeutet das: schneller Zugang zu spezialisierten Profilen.
Ebenfalls geeignet: Berufe mit praktischem Fokus
Für Stellen, die weniger formal-akademische Anforderungen haben, aber technische Fähigkeiten oder Berufserfahrung verlangen, bietet die Chancenkarte einen flexiblen Rekrutierungsweg.
Logistik & Transport
- Berufskraftfahrer
- Lagerlogistik
- Gabelstaplerfahrer
Die Nachfrage ist konstant hoch, und internationale Arbeitnehmer bringen oft direkte Berufspraxis mit. Durch Qualifizierungsmaßnahmen können sie schnell eingesetzt werden.
Gastronomie & Hotellerie
- Köche
- Servicekräfte
- Rezeptionspersonal
In touristisch geprägten Regionen herrscht ein Dauerengpass. Die Chancenkarte erleichtert den Einstieg – besonders, wenn Bewerber bereits Auslandserfahrung in Hotels oder Restaurants vorweisen können.

Foto von Hamish Duncan auf Unsplash
Eher ungeeignet: Hochregulierte Berufe
Nicht jeder Beruf profitiert. Die Chancenkarte stößt dort an Grenzen, wo strenge Anerkennungs- oder Zulassungsverfahren bestehen.
Beispiele:
- Juristen
- Apotheker
- Ärzte (nur eingeschränkt)
- Psychotherapeuten
- Lehrkräfte an öffentlichen Schulen
Der Grund: Die berufliche Anerkennung ist langwierig und komplex. Auch wenn die Chancenkarte die Einreise erleichtert, führt das nicht automatisch zu schneller Einsatzfähigkeit im Unternehmen.
Lohnt sich die Chancenkarte fürs eigene Unternehmen?
Unternehmen profitieren besonders, wenn sie:
- strukturelle Engpässe in ihrer Branche bestehen
- eine hohe Zahl unbesetzter Stellen haben
- bereit sind, Bewerbern in der Einarbeitung entgegenzukommen
- internationale Teams als Vorteil betrachten
- Recruiting-Prozesse international öffnen wollen
Weniger geeignet ist die Chancenkarte, wenn:
- ausschließlich Berufe mit deutscher Approbation besetzt werden,
- das Unternehmen keine Kapazitäten für Spracherwerb oder Onboarding hat,
- kurzfristige Besetzungen erforderlich sind (da das Verfahren Zeit braucht).
Fazit: Die Chancenkarte lohnt sich – aber nicht für jeden Job
Im Praxisalltag zeigt sich klar:
Die Chancenkarte ist ein starkes Recruiting-Tool, vor allem für Branchen mit chronischem Fachkräftemangel und für Unternehmen, die bereit sind, ihre Rekrutierungsprozesse international auszurichten.
Sie lohnt sich besonders für:
- Pflege und Gesundheitswesen
- Handwerk
- IT
- Logistik
- Gastgewerbe
Weniger für:
- streng regulierte oder lizenzpflichtige Berufe
- Tätigkeiten, die ausschließlich mit deutschem Abschluss zugänglich sind
Für viele Unternehmen ist die Chancenkarte jedoch ein wertvoller strategischer Hebel, um Personalengpässe nachhaltig auszugleichen und international neue Potenziale zu erschließen.
Quellen
- Bundesministerium des Innern und für Heimat – „Chancenkarte startet am 1. Juni 2024“
- Make it in Germany – „Die Chancenkarte – Einreise zur Arbeitssuche nach Punktesystem“
- Bundesregierung – „Fachkräfteeinwanderungsgesetz und neue Wege für Unternehmen“
- Forum Verlag – „Chancenkarte: Das neue Punktesystem erklärt“
- Techniker Krankenkasse – Firmenkunden – „Fachkräftegewinnung 2024: Was die Chancenkarte leisten kann“
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